| Tourtagebuch
03.-07.10.2010 Comedy Lounge Tour
Am Samstag, 02.10. ruft mich Vicki Vomit an, den ich vor Kurzem beim
No Maganda Club von Fatih Çevikkollu in Aachen kennengelernt habe.
Ihm wäre für seine Morgen startende Comedy Lounge Tour ein Comedian
ausgefallen und ich hätte doch Interesse an der Tour bekundet und
außerdem wäre ich laut Internet frei.
Das kommt dabei heraus, wenn die Kollegen Internet-Seiten auswerten. Nicht
ahnend, worauf ich mich einlasse, sage ich spontan zu. Ich treffe Vicki
am frühen Sonntagabend in Erfurt, wo er über einer Tiefgarage
wohnt, damit er quasi jederzeit quasi aus dem Bett fallen und sofort auf
Tour gehen kann. Wir düsen gemeinsam nach Gera, wo wir die Kollegen
treffen, uns spielen am Abend die erste Show. Von da ab verschwimmt alles
und ich bringe jetzt schon die Abende durcheinander, wann es voll oder
leerer war, wann wir voller waren, ob da Lehrer waren, ob die Frauen voll
schön oder wir schön voll waren, es war auf jeden Fallein Erlebnis.
Besonders durch die Mitreisenden.
An erster Stelle: Vicki Vomit, auch bekannt als "Der Fürst der
Finsternis", der einzige Comedian, den ich kenne mit Heavy-Metal-Vergangenheit.
Böse Zungen dichten ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit dem jüngeren
Bruder von Ozzy Osbourne an. Bevor du zu ihm ins Auto steigst, zeigt er
dir erstmal wie Trophäen die Schürf- und Stoßwunden, die
seine Karosserie bei der Begegnung mit Leitplanken und Polizeiwagen davongetragen
hat.
Dieser Mann scheut sich nicht, mit einem fast leeren Tank in einen Autobahn-Stau
hinein zu fahren, und nur die gemurmelten Verwünschungen durch die
beiden anderen Kollegen und mein leises Wimmern auf der Rückbank
brachten ihn schließlich dazu, auf den letzten zwei Dezilitern eine
Hinterhof-Tanke in der sächsischen Pampa anzusteuern.
Vor den Shows zähmt er die schwarze Rockermähne und tauscht
seinen "Monsters-of-Liedermaching"-Pullover gegen einen Anzug
mit lindgrünem Kummerbund und passenden Einstecktüchlein. Er
mutiert flugs zum Comedy-Moderator mit Kabarett-Ambitionen, denkt sich
die absurdesten Applausformen aus, die das Publikum brav mitmacht, und
bereitet damit sozusagen das Bett, in dem sich die Gastcomedians räkeln
können.
Als da wären: Thorsten Bär, MC René und icke.
Thorsten ist Hamburger mit hessischen Migrationshintergrund. Er ist Sportmoderator,
investigativer Reporter, Quasselkasper und noch so einiges in allem. Außerdem
kann er Leute imitieren und parodieren, noch so'n Ding, was ich überhaupt
nicht drauf habe. Als Fernsehkoch Tim Mälzer ist er echter als das
Original. Thorsten Bär ist eine komödiantische Allzweckwaffe.
MC René setzt alles auf eine Karte, auf die Bahncard 100. Er hat
seinen Hausrat auf E-Bay verschleudert und ist total abgefahren. Er tourt
durch ganz Deutschland, bis er als Comedian berühmt ist. Diese Drohung
meint der ernst! Dabei hat der schon eine große Zukunft hinter sich:
Als Rapper oder Hiphopper (sorry, ich kenne mich da nicht aus) hat der
schon Hits gehabt und jetzt nimmt er seine Begabung zum Dissen (freundliches
Beleidigen von Publikum ist das, glaube ich) als eine der Grundlagen zu
seiner Show. Große Klasse, wenn er als Freistil-Rapper spontan Typen
oder Ereignisse aus dem Publikum in groovende Reime packt.
Ja, und ich war auch dabei, ein grauer Star der Comedy, und nach dem ersten
Abend erschien uns die Idee für eine gemeinsame Abschlussnummer.
"Kreuzberger Nächte" mit einer Originalstrophe von mit,
mit einer von Thorsten als Reich-Ranicki und Udo Lindenberg, einem freestyle
von MC René und einer ostdeutschen Schluss-Strophe von Vicki a.k.a.
Master of Disaster.
Schönen Dank Kollegen, es war ein wunderbares Erlebnis, vom dem ich
mich jetzt erstmal erholen muss.
Stellwerk-Comedy-Show Harburg 06.01.11
Weil ich bei Fatih Çevikkollus Show den Vicki Vomit getroffen
hatte, der mich zur Ost Comedy Lounge verpflichtete, kenne ich Thorsten
Bär, der mich jetzt nach Hamburg-Harburg holte. So einfach ist das.
Die Location: Ein Jazz-Club im Bahnhof mit freundlichem, kooperativen
Team. Besonderheit: Keine eigene Toilette, man muss aufs Bahnhofsklo,
und da darf man unter Vorweisen eines Stempels umsonst müssen.
Catering: Bahnhofsimbiss. Currywurst können die in Hamburg auch,
muss ich als Berliner zugeben. Aber obwohl das in einem Buch und Film
behauptet wird, wurde die Currywurst nicht in Hamburg erfunden, sondern
in Berlin. Punktum!
Die Show: 1 Moderator, 2, Comedians, 1 Pianist.
Thorsten Bär führt locker durchs Programm, macht die Gäste
warm bis heiß, da ist es eine Freude aufzutreten. Es gelingt uns
ein fröhlicher, zum Glück auch ordentlich besuchter Abend.
Der Kollege Manuel Wolff ist mit oder ohne Klavier ein Comedy-Orkan.
Besonders sein Trinklied über Promi-Schluckspechte begeistert mich,
nicht zuletzt wegen der gereimten Trinksprüche: "Masseltov!
David Hasselhoff!" Ob Manuel die Ansage zum Duett mit einer Frau,
die lasziv auf dem Konzertflügel liegend mit ihm ein Duett singen
sollte, immer schon so gemacht hat oder erst nach unserem Garderoben-Geblödel,
weiß ich nicht. Die ging nämlich so: "Für das nächste
Lied brauche ich eine schöne Frau!" Kurze Pause, Blick wandert
durchs Publikum. "Na gut, eine Frau!" Das Duett war dann ein
Hammer! Ich beschreibe es nicht weiter, empfehle aber dringendst, sich
Manuel Wolff mal anzutun. Seine Homepage (ziemlich schräg) findet
man, wenn man auf Google die Buchstabenfolge ui ein- bis siebenmal eingibt.
Viel Spaß.
In dies zweite Hälfte der Show rockte uns der freundlich Simon Rawalski,
der zum Schluss mit Manuel mir erstmalig eine vierhändige Klavier-Begleitung
zu den "Kreuzberger Nächten" bescherte.
Dass ich nachher mit Thorsten noch die ebenfalls lange Nächte in
Hamburg auffem Kiez getestet habe, lassen wir hier lieber unerwähnt!
29.01.2011 Nittenau
Eines der Dinge, die mein Beruf mit sich bringt, ist, dass man in Orte
kommt, von deren Existenz man bis dahin noch nicht einmal geahnt hat.
Jetzt verschlug es uns (Gebrüder Blattschuss) nach Nittenau, einem
Städtchen im Oberpfälzer Seenland, das in Nittenau weltberühmt
ist. Dort fließt die Regen (kein Grammatikfehler!) schon mal derartig,
dass die alljährliche Überflutung des örtlichen Hotelrestaurants
im jährlichen Kulturplan einen festen Platz hat. Sie wird dementsprechend
durch Markierungen in dieser Örtlichkeit gewürdigt. Anlass unseres
Besuches war eine große Schlager- und Volksmusik-Show mit späterer
Satelliten-Ausstrahlung. Und so waren außer uns noch etliche Kollegen
aus dem südddeutschen Raum und Österreich am Start, dazu noch
Schlagerlegende Bata Ilic, übrigens ein echt netter Kerl, bei nicht
mal sein dicker Mercedes protzig wirkt.
Lustig war die Handhabung des Themas Alkohol im Zuge der Veranstaltung.
Obwohl das in den Künstlerverträgen sehr restriktiv gesehen
wurde, sah man das aktuell dann nicht so eng. Zwei große Bier gab
es auf Marken, der Kollege "Spitzbua Markus" (ein halbes Hemd
mit dem Selbstvertrauen einer Tüte Mücken) war von seinem Manager
mit einer Palette Miniflaschen "Blutwurz" (Kräuterlikör)
zur Förderung der Kommunikation mit Kollegen und Fans ausgestattet,
und die Geschwister David, zwei reizende Mädels, verkauften an ihrem
Stand außer CDs und Kalendern auch schon Weinflaschen mit Ihrem
Bild drauf.
All das befeuerte mich – ganz im Gegensatz zu meinen sonstigen Gewohnheiten
– auf der After-Show-Party zu tanzen. Die Musik dazu lieferte das
Moderatoren-Duo der Sendung unterstützt von drei weiteren Musikern
und ich stellte wieder einmal fest, dass der Weißwurstäquator
auch musikalisch Deutschland teilt, einige Songs der Bayern- und Austro-Pop
kommen einfach nicht in den Norden.
Dementsprechend kam ich am Sonntagmorgen nur knapp innerhalb der regulären
Zeit zum Frühstück. Das Hotelrestaurant, das am Abend geschlossen
war (man musste zum Türken-Imbiss, wo die Köfte mit "Fleischpflanzerl"
untertitelt waren) , also das Hotelrestaurant war nicht nur Frühstücksraum
sondern gleichzeitig Frühschoppenraum und schon um halb zehn gut
mit Kartenspielern besetzt, die alle große Biere, Mindestmaß
½ Liter, vor sich stehen hatten. Ich bin bei sowas ja schmerzfrei,
aber sensiblere Seelen hätten sicherlich Schwierigkeiten, Ihren Tee
und das Muesli in Anwesenheit derartiger bayerischer Folklore herunterzukriegen.
Da mein Blattschuss-Bruder Kalle noch pennte, machte ich eine Spaziergang
durchs Städtchen und kam zum Friedhof. Wenn man, wie ich, die teilweise
stark heruntergekommenen Grabfelder Berlins gewohnt ist, beschleicht einen
schon leise Wehmut bei einem bis zum Anschlag gepflegten Kleinstadtfriedhof.
Selbst die Gießkannen waren in Reih' und Glied ausgerichtet und
das Lustigste war, dass es einen Automaten zur Selbstbedienung mit Grablichter
gab.

Außerdem war der Gottesacker mit Blick auf einen Futtermittelsilo
und ein Sägewerk ausgestattet, aber so ist eben, hier liegt alles
bei einander, wachsen und vergehen, sägen und Särge. Mir war
ganz philosophisch zumute.
Zurückgekehrt in die Kneipe, äh, den Frühstückraum
wurde ich noch auf ein paar dekotechnische Highlights aufmerksam. Dass
in einem Landgasthof schon mal Geweihe an der Wand hängen, ist gewöhnlich,
dass man die golden und bonbonfarbig angemalt hatte, schon weniger. Diese
bunten Hörner korrespondierten in feinster Weise mit den ausgestopften
Fischköpfen auf der Gegenwand, die egal ob Wels oder Hecht, alle
mit Faschingshüten verziert waren. Der Wirt war ganz stolz darauf,
einem Fisch nahm er das bunte Mützchen ab, und siehe da, der Fisch
hatte ein kleines Geweih vom Tierpräparator implantiert bekommen,
damit der frühere Wirt den Feriengästen die Mär vom Rehe
fressenden Wels erzählen konnte, dem davon Hörner gewachsen
wären.

Da Kalle noch seine Sachen packen musste, holte ich das Auto vom Parkplatz.
Daher weiß ich nun, warum Nittenau in der Welt des Fußballs
nie eine Rolle spielen wird, das Betreten des Fußballplatzes ist
rigoros verboten.
21.-26.02.2011 Blauer Dunst und Carmen Nebel
Zweigeteiltes Vergnügen. Zu Anfang der Woche eine kleine Tour de
Ruhr mit der Comedy-Mix-Show "Nachtschnittchen". Vergnüglich
organisiert vom Comedian und Gitarrenvirtuosen Helmut Sanftenschneider.
Dazu zwei super Acts. Lutz von Rosenberg Lipinski, mehr als durch den
Namen durch extrem gutes Gag-Hand- und Mundwerk geadelt. Kein Wunder,
dass der teilweise eher kabarettistisch wirkende Kollege häufig den
Quatsch Comedy Club moderiert.
Dazu "Onkel Fisch" eine gut geölte Zwei-Mann-Gag-Maschine,
die den Vergleich mit anderen Comedy-Duos wie Badesalz oder Mundstuhl
nicht zu scheuen braucht. Die Spielorte: Eine evangelische Kirche, ein
Friseursalon, eine stillgelegte Zeche. Teilweise abenteuerliche Garderoben-
und Verköstigungs-Bedingungen, aber das Publikum im Ruhrgebiet war
wieder mal Spitzenklasse.
Schnitt!
Am Donnerstag nachmittag erste Probe und Aufzeichnung als Gebrüder
Blattschuss für die ZDF-Produktion "Willkommen bei Carmen Nebel".
Große Künstlergarderobe, persönlicher Künstlerparkplatz,
Catering-Bereich mit allem außer Alkohol und eine Riesenhalle (Velodrom)
mit allem technischen Zipp und Zapp, was man für ne Samstagabendshow
braucht. Dazu jede Menge Kollegen der Sangeszunft. Einer fand es witzig,
uns mehrfach als "Gebrüder Schweißfuß" und
stellte damit klar, dass er dieselbe Klasse wie sein Lied hatte.
Positiv waren mal wieder die Kollegen, von denen man das nicht erwartet
hätte. Margit Sponheimer, seit gefühlten zweihundert Jahren
eine Ikone des Mainzer Karnevals, erwies sich rauchende, zur Selbstironie
fähige Kollegin. Wir hatten auf und hinter der Bühne echt Spaß
miteinander. Dazu Gunter Gabriel. Von dem kenne ich wirklich über
die Jahre Licht und Schatten, häufig überwog letzteres. Aber
jetzt ein Glanzlicht! Gunter stellt in einem Musical im Zusammenspiel
mit der furiosen Helen Schneider Countrylegende Johnny Cash dar und das
macht er verdammt gut. Fetten Respekt, Alter!
"Blauer Dunst" kam in diesem Eintrag gar nicht vor und "Carmen
Nebel" nur am Rande. Aber ich fand den Titel klasse.
09.-16.04.2011Raucherfisch und Eiskügeln
Wenn man schon mal einen preisgünstigen "Kurlaub" an der
polnischen Ostseeküste machen will, warum dann nicht gleich die Luxusvariante.
Transfer von Haus zu Haus, was uns auf der Hinfahrt eine idyllische Stadtrundfahrt
beschert. Samstag morgens, 6 Uhr, Berlin schläft, wahrscheinlich
eine der wenigen Zeiten, die Stadt ohne Stau zu durchqueren und die unvermeidlichen
Baustellen und Absperrungen nerven weder den gut gelaunten Kleinbus-Fahrer
noch die Mitreisenden.
Vom nordöstlichen Berliner Stadtrand ist man in einer guten Stunden
an der Grenze, kurze Pause, zwei Stunden später ist man am Ziel,
eine 5-Sterne-Herberge mit 'nem großen Hallenbad, es sind noch kalte
Tage zu erwarten.
Schnell den Koffer ausgepackt und dann geht’s zur Strandpromenade,
was essen. Das Fischlokal hat den Charme einer Pommesbude, ist aber gut
besucht. Wir also rein, fragen nach einer Speisekarte. Die Dame hinterm
Tresen meint sinngemäß, sie wäre das. Auf Ihren Rat hin
bestellen wir Fisch mit Fritten und zwei Bier. So was Ähnliches sehen
wir auf den Tellern der anderen Gäste. Nach der Bestellung geh ich
erstmal aufs Klo. Überraschenderweise hat der Schnellimbiss 'ne Klofrau
und ich habe nicht den kleinsten Zloty in der Tasche, meine Frau hat das
Portemonnaie mit dem polnischen Geld, und meine Euros liegen im Hotelsafe.
Das aber dem polnischen Mütterchen mitzuteilen ist unmöglich,
ich spreche kein Polnisch. Was die Dame drauf in ihrer Heimatsprache zu
mir sagt, verstehe ich dann aber trotzdem ganz genau: "Das ist doch
mal wieder typisch, die Deutschen kommen her, wollen billig essen und
trinken und haben dann nicht den kleinsten Groschen für die Toilettenfachkraft!"
Es ist mir sowas von peinlich, ich beschließe in meinen Sprachführer
die Redewendung "Mütterchen, es tut mir entsetzlich leid"
herauszusuchen und die Dame nach dem Essen mit einigen Zloty zu überhäufen.
Dann kommt das Essen und es stellt sich heraus, dass wir einen drei bis
viermal so großen Fisch auf dem Teller haben wie die anderen Gäste.
Inzwischen habe mit mitbekommen, dass man hier nach Gewicht bezahlt, also
dem der Speisen, nicht der Kunden. Und natürlich haben wir deutschen
Dummbeutel auch noch den teuersten Fisch genommen, wir zahlen derart viel,
dass ich beschließe, dass die Kneipe der Klofrau etwas abgeben kann,
schließlich haben wir einen hochprozentigen Anteil am Tagesumsatz.
Abends im Hotel ist es dann super, nur als man mir auf die Frage nach
Wein erklärt, man hätte einen weißen und einen roten,
lässt mich spontan auf Bier umschwenken. Das Buffet ist vom Feinsten,
alles, was das Herz begehrt und der Leber schadet. Mir wird klar, der
Pole an sich liebt große Portionen. Wir machen noch einen Verdauungsspaziergang
und schauen danach kurz in die Hotel-Disco, hier soll heute noch die Luft
brennen, aber das Personal ist momentan noch deutlich in der Überzahl.
Obwohl wir als Hotelgäste keinen Eintritt zahlen müssten, verzichten
wir dankend und gehen auf einen Wodka und ein Bier in die Hotelbar, von
der man einen guten Blick auf Foyer hat, was uns ein nettes Schauspiel
beschert. Gruppenweise erscheinen schick gekleidete junge Menschen, gehen
in die Kellerdisco und tauchen einige Zeit später wieder auf. Warum
gehen die alle wieder? Tage später finden wir die Erklärung
an einem großen Plakat für die Tanzveranstaltung. Es sollte
umgerechnet 25 € Eintritt kosten, und das war vorher anscheinend
nicht so richtig kommuniziert worden.
Aber nicht nur für die jungen Leute hatte die Hotelgastronomie Überraschungen
zu bieten, unsere kam später. Aber dazu (eben) später.
Am Sonntag soll es zum letzten mal für ein paar Tage recht warm sein,
also mieten wir uns Fahrräder und radeln parallel zum Strand zum
nächsten Ort. Nach ein paar hundert Metern wird der Radweg zum Highway,
handgepflastert mit fast mosaikartigen Abgrenzungen zum Fußweg,
mit Papierkörben und Flutlichtmasten. Dieser Luxus-Trampel-Pfad begnügt
sich nicht mit fünf Sternen, hier leuchten die 12 güldenen Sterne
auf blauen Grund, das Ganze zahlt die EU. Liebe Polen, so hat das vor
30 Jahren in Irland und Portugal auch angefangen!
Die Polen lieben Europa! Sie wollen es groß. In einem reinen TV-Wetterkanal
werden unter der Rubrik "Europäische Kurorte" ganz selbstverständlich
die Ferienorte in Israel, Ägypten und Nordafrika mitgezählt.
Dieser Wetterkanal ist toll, dauernd aktuelle Wetterdaten aus Polen und
ab und zu von Anderswo, dazwischen zeigt man zur Entspannung Bilder von
den schönsten Naturkatastrophen aus aller Welt.
Apropos Katastrophe: Die polnische Sprache ist für Deutsche sauschwer
zu lernen, sie hat mehr Konsonanten als das Finnische Vokale. Und ich
frage mich bei dem Schriftbild, wieso die Polen so schön in ihrer
Sprache singen können. Im Gegenzug scheint es für polnische
Menschen geradezu babyleicht, Deutsch zu lernen. Ein paar Brocken kann
in Kurorten fast jeder, sehr viele sprechen ein fast perfektes Deutsch.
Bloß mit dem Schreiben hapert es, die Umlaute ä, ö,ü
sind auf polnischen Tastaturen nicht vorgesehen und so braucht man einen
Moment um herauszufinden, dass es sich bei Raucherfisch nicht um spezielle
Lebensmittel für Nikotinabhängige handelt. Dafür schlagen
die Polen handschriftlich besonders zu und verpassen deutschen Begriffen
Umlaute, wo sie von Ihnen vermutet, aber von der Grammatik nicht vorgesehen
werden: Eiskügeln. Wie kommen die denn darauf? Das ist so eine Frage.
Genau wie die nach dem Toilettenpapier. Wir verbrauchen pro Tag höchstens
eine halbe Rolle davon, trotzdem ist jedesmal eine neue drauf. Die Reserverolle
kommt nie zum Einsatz. das ist ja für uns ganz komfortabel, aber
was machen die mit den halben Rollen? Machen die aus zwei halben eine
neue ganze? Und, wenn ja, wie? Mit Klebstoff? Heftklammern? Meine Frau
konnte mich nur mit Mühe davon abhalten, eine Rolle abzurollen, um
nach Klebstoffresten oder Heftklammern zu suchen. Dabei ist sie doch sonst
so penibel.
Darum hat sie auch gemerkt, als die uns an der Hotelbar den teuren Wodka
unterjubeln wollten. Wir hatten, wie schon ein paar mal vorher in der
Hotelbar, polnischen Wodka bestellt. Die Polen sind ganz wild nach ausländischen
Getränken (zum Beispiel Guinness vom Fass) und so gibt hier finnische
Wodkas zu stolzen Preisen. Meine Frau merkte beim Abzeichnen der Rechnung,
dass das "Wässerchen" genau das Dreifache kosten sollte.
Es gab Krach, der Kellner behauptete, das wäre das bestellte Getränk
gewesen. Wir sagten, wir wollten polnischen Wodka. Das wäre auch
polnischer Wodka gewesen, allerdings in der "Exqisit"-Version.
Ein Geschäftsführer rückte an und bot zehn Prozent Preisnachlass.
Lustig, erst 200 Prozent aufschlagen und dann zehn nachlassen. Meine Frau
strich dann überfallartig die schon angefangene Unterschrift durch,
und wir überließen dem Hotelmanagement, wie man das regeln
wollte. Beim Überprüfen der Abschlussrechnung lag dann eine
Rechnung über zwei Wodka zum Normalpreis bei. Für uns also alles
in Ordnung. Wir nehmen bloß an, dass an dem betreffenden Abend den
reichlich vorhandenen Gästen einer Tagung flott teure Getränke
untergeschoben wurden, die vom Veranstalter nicht bemerkt oder einfach
locker bezahlt würden.
Aber das können wir natürlich nicht beweisen. Wer nach diesen
Beschreibungen in dieses Hotel will – oder gerade nicht –
wird den Namen von mir nicht erfahren. Es hat übrigens eine auffällige
Glasverkleidung und liegt am Rande des Kurgebiets von Kolberg. Dann googelt
mal schön!
Dienstag, 12.07.2011
Die alte Dame auf dem Bodensee
"Ja, setzen Sie sich her, junger Mann! Obwohl 'junger Mann', das
ist ja auch schon was her bei Ihnen, aber andererseits – von mir
aus gesehen sind die meisten Leute jung.
Ja, nehmen Sie ruhig Platz, Sie müssen mir nur genügend Raum
für meine Füße geben, die muss ich auch im Sitzen bewegen,
sonst laufen die eines Tages gar nicht mehr. Das liegt auch daran, dass
ich ein neues Knie habe und die können noch nicht miteinander.
An Ihrer Sprache höre ich, sie kommen aus Berlin, schöne Stadt,
ich war noch nie da. Aber meine Eltern haben sich da kennengelernt, dann
muss das ja schön sein!
Ich komme auch nicht von hier, das hören Sie, eigentlich komme ich
aus dem Sauerland. Ich war früher Drogistin, das war da noch 'n richtiger
Beruf. ich habe sogar Drogistinnen ausgebildet und das immerhin in Düsseldorf.
Nach meiner Heirat hatte ich nicht mehr soviel Zeit, da war ich bei einer
Versicherung.
Ja, von der Zeit vor 30, 40 Jahren, da weiß ich noch alles, aber
fragen Sie mich nicht, was gestern war! Obwohl, wahrscheinlich habe ich
wieder Stunden damit zugebracht, einkaufen zu gehen. Und das nicht nur
deswegen, weil ich nicht mehr so schnell zu Fuß bin, ich treffe
hier einfach andauernd Leute, die ich kenne und da hält man an jeder
Straßenecke ein Schwätzchen.
Dass ich hier soviel Leute kenne, liegt daran, dass mein Mann tot ist.
Also, das hört sich jetzt aber bekloppt an, das muss ich Ihnen erklären.
Als mein Mann auf Rente auf Rente ging, sind wir hierher gezogen und mein
Mann ist dann bald gestorben. Ich habe mir dann gedacht: Mein Mann ist
tot, aber ich nicht!
Und dann habe ich hier ein paar Jahre bei der Gemeinde gearbeitet und
kenne deshalb hier praktisch jeden. Und wenn ich mich langweile, fahre
ich mit dem Schiff, ich habe 'n Karte für die ganze Saison, die kostet
nur, äh, das habe ich vergessen, ich weiß nur, die wird jedes
Jahr 5 Euro teurer.
Auf so einem Schiff vergeht die Zeit ja wie im Fluge, wenn man so redet,
und ich muss dann auch so langsam los. Ich weiß, das Schiff landet
erst in 10 Minuten, aber da will ich die erste am Ausgang sein und vor
Allem auch auf dem Anschluss-Schiff, ich habe da einen Lieblingsplatz.
Und ich hoffe, dass ich da jemand treffe, mit dem man sich genauso gut
unterhalten kann wie mit Ihnen!"
© Beppo Pohlmann
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