| Geschichte(n)
Liegnitzer Straße 16
Neulich habe ich mal wieder eine Dampferfahrt gemacht.
Für den Nichtberliner muss ich klarstellen, dass ich natürlich
mit einem Motorschiff gefahren bin, aber in Berlin is det eben 'n Dampfer,
auch wenn der raucht, statt dass er dampft. Berlin verdankt den Dampfern
eine ganze Menge, unter Anderem wurde der bekannteste Berliner Fußballverein
auf einem solchen gegründet und da die Herren Gründer keine
Idee für einen Namen hatten, nahm man einfach den des Schiffes und
nannte die Sportlergemeinschaft Hertha BSC.
Vom Dampfer, vom Wasser aus hat man eine ganz andere Optik, der frühere
Arbeiterbezirk Kreuzberg, wo in den Vorderhäusern die feineren Leute
möglichst im Hochparterre, der "Bel Etage", wohnten, während
in den Hinterhäusern die Arbeiter in Kleinstwohnungen hausten und
ein Hinterhof weiter gleich Fabriken und Werkstätten folgten, dieses
Kreuzberg, in dessen billigen Wohnungen sich in den 60er/70er Jahren Studenten
einmieteten, wirkt heute vom Schiff aus gesehen, wie ein Grüngürtel.
Das "Liegnitzer Eck" ist längst von der Eckkneipe zu einem
Latte Macchiato Laden mutiert, statt oller Buletten gibt's da jetzt was
biologisch Korrektes. Das "Alt Berlin", zu dem ich immer die
Fernsehteams bestelle, wenn sie Originalbilder haben wollen, ist dafür
aber mehr Eckkneipe, als es zu meiner Kreuzberger Zeit war. Die "Uhrenkneipe",
so nannten wir dieses an der Ecke zur Reichenberger Straße gelegene
Lokal , war vollgestellt mit alten Standuhren, die der Kneipier Martin
Bonnet, der wie jeder Berliner, dessen Name sich französisch aussprechen
lässt, behauptete von Hugenotten abzustammen, sammelte. In der Musikbox
waren nicht wie anderswo die aktuellen Hits vorhanden, sondern irgendwelche
alte Schlager und Cafehausmusik und ich bin mir sicher, wenn es gegangen
wäre, hätte der Wirt die Box mit Schellackplatten bestückt.
Es gab außerdem ein Pianola, ein mit Lochkartenwalzen betriebenes
automatisches Klavier, das man mit Tritten auf zwei Pedale in Betrieb
setzen konnte. Die Uhrenkneipe- damals übrigens nur eins von drei
Lokalen an dieser Straßenecke, die reguläre Anzahl wäre
natürlich 4 gewesen - wurde für mich und meine Freunde der fast
allabendliche Anlaufpunkt. Warum wir die beiden anderen Eckkneipen ignorierten,
weiß ich nicht mehr, dabei war doch eins "Der billige Löwe",
von dem ich nicht mehr weiß, ob der wirklich so hieß oder
wir den Goldenen Löwen nur so nannten. Der Imbiss "Zum schmutzigen
Löffel" eine Querstraße weiter hieß auf jeden Fall
nicht so, aber ich müsste lügen, wenn ich hier den richtigen
Namen hinschreiben sollte.
Als ich nach (West-) Berlin kam brauchte ich mir keine Wohnung zu suchen,
das war erledigt, denn in der Liegnitzer Straße 16 hatte sich schon
eine Gruppe von Studenten aus meiner Heimat eingenistet, die immer, wenn
eine Wohnung frei wurde, jemanden nachzog. Der Hauswirtin, Fräulein
Lina Zinkeisen, war das durchaus recht, so viele junge Leute im Haus zu
haben, sie bestand darauf, dass man die Miete in bar bezahlte, was der
alten Dame zu jedem Monatswechsel einige mit Gesprächen angefüllte
Tage bescherte. Es gab von ihr 5 Mark, wenn man im Treppenhaus eine Glühbirne
einschraubte und sogar meistens etwas zum Geburtstag. Seit dieser Zeit
besitze ich ein zweibändiges Literaturlexikon, Taschenbuch, aber
immerhin!
Die aus meinem Osnabrücker Umfeld resultierende Gruppe hatte zu ihrer
größten Zeit schätzungsweise die Stärke einer Fußballmannschaft,
dazu gab es im Haus eine Clique von jungen Leute, die Massage oder sowas
studierten, Detlef, mit dem ich auch mal Musik machte, der winzige Börje,
ich glaube aus Schweden, Gabriele, trotz dieses Namens ein Mann, allerdings
aus Italien, und ein Mädchen aus dem Spätzleland mit dem urschwäbischen
Namen Antje. Frauen waren sonst kaum im Spiel, wir hatten zum Teil Freundinnen
zuhause, die später auch nach Berlin kamen und einige Paare von damals
sind heute noch zusammen.
Das Haus war ein typisches Berliner Mietshaus mit Vorderhaus, zwei Seitenflügeln
und einem sogenannten Quergebäude, wo ich im 4 Stock eine Einzimmerwohnung
mit Küche und dem Klo auf halber Treppe hatte. Die Möbel hatte
ich für 100 Mark vom Vormieter übernommen, dazu gehörten
neben Tisch, Stuhl und Bett ein Druck des "Flötenkonzert von
Sanssouci". Die Tapete im Wohnzimmer war von einem einheitlichen
großen Muster, das allerdings in drei verschieden Farben, anscheinend
ein Gelegenheitskauf meines Vorbewohners. Den Flur strich ich Grün
und die Tür Orange oder umgekehrt. Ein elektrisches Heißwassergerät,
auf den Wasserhahn zu schrauben, musste heißes Wasser für die
Hygiene und den Kaffee erzeugen. Kaffee war wichtiger.
Das Haus wurde abends abgeschlossen und man konnte nur mit einem sogenannten
Durchsteckschlüssel rein oder raus. Dieser patentierte Schlüssel
war so konstruiert, dass man auf jeden Fall immer hinter sich die Tür
abschloss. Wenn man also abends Leute zu Besuch haben wollte, musste man
sie an der Haustür abholen, beziehungsweise dorthin geleiten. Wir
hatten immerhin schon eine Klingelanlage, soweit ich weiß, gab's
auch Häuser ohne, keine Ahnung wie Leute da abends Besuch managten,
denn die meisten jungen Leute hatten damals kein eigenes Telefon.
Wir hatten aber, wie geschrieben, die Klingelanlage und den Türöffner,
der zwar nur über Tag funktionierte, aber abends wenigstens ein lautes
Summen von sich gab. Wir hatten ein Klingelzeichen, das auf den Rhythmus
des 60er Jahre Hits "Let's go" beruhte. Wenn jemand abends auf
ein Bier gehen wollte, klingelte er die möglichen Mittrinker mit
diesem Zeichen an, kam der selbe Takt zurück, signalisierte das "ich
komme mit", ein langer Summton hieß "keine Zeit"
oder "keine Lust". Irgendeiner kam immer mit, und meistens ging's
in die Uhrenkneipe. Und obwohl das damals die einzige Kneipe in ganz Kreuzberg
war, in der der Wirt konsequent um Mitternacht dicht machte, war es dieser
magische Ort, der in der ersten Fassung der "Kreuzberger Nächte"
besungen wurde.
"Sie fragen "Kommste mit auf ein Bier?"
Naja, in diesem Fall bin ich dafür.
Wir woll'n kurz in die Uhrenkneipe gehn
Auf ein, zwei Halbe, na wir werden sehn.
Aus der Musikbox klingt so manches gute Stück,
Alte Schlager, Pop und Kaffeehausmusik.
Stellt der Martin auch um 12 die Stühle hoch,
Das ist egal, denn einen trink'n wer noch.
Kreuzberger Nächte sind lang ...
Ich schaue vom Dampfer auf die Liegnitzer Ecke Paul-Lincke-Ufer
und denke daran, wie wir in einer echten Nacht- und Nebel-Aktion dort
das Straßenschild abmontiert haben, das heißt ich habe wegen
erwiesener technischer Unfähigkeit dabei nur "Schmiere gestanden".
Dieses Schild bekam der kleine Börje von uns zum bestandenen Examen
und zum Abschied. Vielleicht hängt es ja irgendwo in Schweden in
einer Massagepraxis.
Am 1. März 2008 hatten wir ein Treffen der ehemaligen
Bewohner der
Liegnitzer 16. Börje konnte nicht kommen. Er schickte aber ein Foto
per
E-Mail. Er hat das Schild in der Hand!
© Beppo Pohlmann
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