| Geschichte(n)
GO-IN, Steve Club, Folkpub
Als ich das erste Mal ins GO-In kam, war es schon eine
Legende. die Berliner Liedermacher der "ersten Generation" waren
fast alle dort aufgetreten, da musste man einfach hin, wenn man in diesem
Metier etwas werden wollte.
Ich hielt das Niveau dort für derartig hoch, dass ich mich erst nach
dem Gewinn des Nachwuchswettbewerbs beim Interfolk-Festival traute im
GO-IN vorzuspielen. Es klappte und so zählte ich von da an zu Auserwählten,
die zwei bis viermal im Monat dort für, ich glaube, 8 Mark und zwei
Freibier auftreten durften. Schon bald konnte ich dieses Geld gut gebrauchen,
denn bei einem der ersten Auftritte wurden mir in der Garderobe des Clubs
80 Mark geklaut. Wer sich jetzt bei Garderobe etwas tolles vorstellt,
liegt so was von daneben. Es war ein schmaler Kellervorraum, der nach
hinten hin noch schmaler wurde. Es gab möglicherweise einen Spiegel
und eine Sitzbank. Rechts über der Eingangstür hing ein Lautsprecher,
mit dem man von Jo auf die Bühne gerufen wurde. Mehr als 4 Personen
hatten nicht sinnvoll Platz in dem Gelass, was nichts daran änderte,
dass sich dort zeitweise mehr als zehn Leute aufhielten. Eines der Hauptmerkmale
des Programms bestand darin, dass abwechselnd Gruppen und Solisten auftraten.
Wenn man dann Pech hatte, geriet man zwischen eine der südamerikanischen
Gruppen, wie den Sikuris, die gerade ihr umfangreiches Instrumentarium
einpackten und die Schasstroffs, echte Berliner Russen, die sich auf ihren
Gitarren und Balalaikas warm spielten. Auch gefürchtet war das Zusammentreffen
mit Mohammad, der immer den halben Platz brauchte, um seine persischen
Handtrommeln, die Dombacs, mittels mitgebrachter Kerzen auf Betriebstemperatur
zu bringen. Da war es angenehmer, wenn man es mit Duos zu tun hatte. So
zählten dann auch Ursula und Frank zu meinen ersten Bekannten. Sie
machten irische Folklore, leben inzwischen in Irland, touren aber immer
wieder durch Deutschland, sympathische Menschen, die Musik mit Herz und
Hand machen. Auch größtenteils irische Musik machten damals
Achim und Maik. Irish Folk war damals so eine Art Ersatzfolklore für
die Deutschen, die dem eigenen Volksgut, vermutlich durch den Missbrauch
desselben durch die Nazis, misstrauten. Maik ist noch heute aktiver Musiker,
er hat sein Repertoire um Dylan-Songs und Country erweitert und wenn er
gut drauf ist, lässt er sich durch seine Mitstreiter Doreen und Olaf
sogar zum Singen von deutschen Volksliedern und alten Schlagern überreden.
Sein Partner Achim starb später an Heroin, eine Droge, die damals
für die Folkszene untypisch war. Vielleicht haben einige zu der Zeit
Haschisch konsumiert, aber nicht im GO-IN. Das wurde von Jo strikt durchgesetzt.
Es wurde natürlich heftigst geraucht, aber eben nur Zigaretten. Dann
gab’s eben Bier, zwei halbe Liter waren Bestandteil der "Gage".
Meistens trank ich die und fuhr danach nach Kreuzberg und so dauerte es
eine ganze Zeit, bis ich noch mehr Künstler kennen lernte. Es war
schon ein buntes Völkchen. John Vaughn, ein Amerikaner mit arschlangen
blonden Haaren zum Beispiel. Sein Gesangspartnerin hielt die Haare folglich
raspelkurz. John gehörte zu den "Hagelbergern", Amerikaner,
die in Kreuzberg in einer WG lebten und die sowohl solo als auch in verschiedenen
Formationen auftraten. Die Leute aus der Hagelberger Straße treffen
sich heute noch alle paar Jahre und spielen ein paar Shows für das
frenetische mit ihnen gealterte Publikum. Die Amis blieben, mit Ausnahmen
wie Saxophon-Jo Kucera, aber eher unter sich und traten auch eher in einem
anderen Club auf, dem "Banana". Es gab haufenweise unechte Iren,
dafür auch echte Irre, wie den Stammgast Rauschi. Es gab sogar Leute,
die klassische Gitarre spielten , es gab Susi (die heutige Frau von Werner
Lämmerhirt mit Tucholski-Rezitationen, manchmal kamen auch Gastkünstler
von außerhalb wie Rick Abao, ein schwarzer Blueser, der mit seinen
Variationen vom "Jäger aus Kurpfalz" das Publikum zum Toben
brachte und zu unser aller Neid immer mehrere Zugaben geben musste und
durfte. Das Publikum rekrutierte sich aus eher studentischen Kreisen und
in der Woche auch aus den Schülergruppen, die aus der damaligem Bundesrepublik
mindestens einmal während ihrer Gymnasialzeit in (West-)Berlin gewesen
sein mussten. Der Eintritt war, außer an den Wochenenden frei, das
Bier war billig. Ab neun Uhr abends kam normalerweise alle halbe Stunde
ein neuer Künstler oder eine Gruppe auf die Bühne. Das ging
regelmäßig bis ein Uhr nachts, gelegentlich auch länger,
zum Abschluss spielte häufig Peter "Wyoming" Bender und
es konnte dann auch mal passieren, dass am frühen Morgen bei Sessions
mehr Künstler auf der Bühne als Leute im Publikum waren und
man dann in den erwachenden Morgen ins Laternchen zum Frühstücken
ging. Als Rausschmeißer spielte Jo dann immer von Schallplatte "Gute
Nacht, Freunde". Das Mobiliar bestand aus alten Nähmaschinentischen,
auf denen Kerzen blakten, und Holzbänken. Auf der Bühne gab
es vier Mikrophone, das musste für jegliche Art von Gruppe oder Band
reichen und ein altes, natürlich chronisch verstimmtes, Klavier.
Jo, der Geschäftsführer hatte seine ganz eigene Art entwickelt
die Künstler anzusagen. "Ja, auf der Bühne da ist nun sie.
Sie, unsere kleine Carola mit ihren eigenen Liedern. Wir wünschen
uns liebe, nette und vor allem ruhige Gäste, wenn jemand da oben
auf der Bühne ist". Letzteres war nicht immer gegeben, das Publikum
unterhielt sich häufig, wenn es sich von der Bühne nicht überzeugend
unterhalten fühlte. Während er Auftritte wurde natürlich
weiter serviert, meistens Bier, es wurde immer sofort kassiert. Es war
eine harte Schule für Künstler, aber, wer es da schaffte, brauchte
sich vor keinem Publikum auf der Welt mehr zu fürchten.
Ich trat dort nach und nach immer häufiger auf, und irgendwann auch
in den anderen beiden ähnlichen Clubs. Möglicherweise kam es
dazu, weil die Lokale sich gegenseitig anriefen, wenn irgendwo ein Künstler
ausgefallen war, zumindest, das GO-IN und der Steve Club.
Im Steve hatte Christoph das Sagen, Liedermacherlegende Hannes Wader war
dort Geschäftsführer gewesen, so sagte man, und es gab dort
den "Deutschen Abend", der den Liedermachern vorbehalten war.
Diesen machte häufig Ihno van Hasselt, später künstlerischer
Leiter der Berliner Jazztage. Die Bühne war winzig, davor hatte allerhöchstens
30 Personen Platz, mehr dafür in dem Raum hinter der auch nach hinten
offenen Bühne. Der Künstlerraum war dafür deutlich größer
als im GO-IN und man konnte dort regelmäßig die S-Bahn hören,
auch die Biergläser in leichtes Vibrieren versetzte. In den Pausen
wurden Zeichentrickfilme ohne Ton gezeigt. Man gab sich im Steve Club
etwas anspruchsvoller und nicht jeder, der in den anderen Clubs Erfolg
hatte, wurde dort auf die Bühne gelassen. Dritter Club im Bunde war
der Folkpub, deutlich schicker, sauberer, aber auch teurer als die beiden
anderen. Wenn man wie ich nach einiger Zeit in mehreren Clubs auftrat,
hatte man schon ein paar Mark mehr in der Tasche und ich hatte, da ich
noch die staatlichen Studienförderung BAFöG erhielt, ein ordentliches
Auskommen und konnte mir damit ein Auto leisten, ohne das ich andererseits
nicht jeden dritten Abend von Kreuzberg in den Charlottenburger Kiez gekommen
wäre.
© Beppo Pohlmann
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