| Geschichte(n)
Dr. Seltsam oder wie ich lernte,
Lektüre zu hören
Bei der Suche nach Auftrittsmöglichkeiten stieß
ich auf das Phänomen der Lesebühnen und noch bevor ich Kontakt
mit dieser Szene bekam, stellten sich mir Fragen in den Weg. Wieso lesen
die Leute ihre Texte vor, statt sie wie Comedians, Schauspieler oder Liedermacher
auswendig (auswändig?) vorzutragen? Was sind das für Leute im
Publikum? Haben die als Kinder nicht genügend Geschichten vorgelesen
bekommen? Können die oder wollen die gar nicht mehr lesen?
Die erste Begegnung war dann noch ein Flop. Ein Veranstalter, nennen wir
ihn John, weil er zufällig so heißt, wollte mich zu einem Abend
mit einem dieser Vorleser zusammenbringen. (Danke John). Diese Kombination
brachte dem Team des Veranstaltungsorts einen freien Abend (Gern geschehen).
Da aber der Autor Frank Grutza bei diesem Anlass ganz cool reagierte,
lud ich ihn, einen gewisse Leidensfähigkeit bei ihm voraussetzend,
zu meiner "Bunten Bühne" ein, wo nach meiner Erfahrung
die Publikumsmenge auch zwischen null und erträglich schwankte. Ich
hatte bisher keinen Text von ihm gelesen oder gar gehört, er hatte
keine Homepage, daran merkte ich, dass ich dringend eine brauchte.
Frank kam, las und ich amüsierte mich prächtig. Seine Geschichten
über (Alb)Traumfrau Nora, 3 Nebelkrähen, seine alte Hamburger
Clique und die Verlesung eines vollgelaberten Anrufbeantworters und speziell
die Beziehungen zwischen den einzelnen Storys brachten mir ein bisher
unbekanntes Vergnügen. Eigentlich hasse ich es, wenn Autoren eine
ganze eigene Welt "erschaffen", aber Frank Grutzas Miniaturuniversum
ist eine komische Parallelwelt, die der unsrigen nur zum Verwechseln ähnlich
sieht, aber eben genau das.
So mit dem Vorlesen erstmalig positiv in Berührung gekommen, hatte
ich keine Probleme, die Einladung zu "Dr. Seltsams Frühschoppen"
anzunehmen, von dem ich erst bei der Recherche erfuhr, dass es sich dabei
um eine (fast) reine Lesebühne handelt. Ich hatte mein Info da hin
geschickt, weil irgendjemand was von "Kult" und "viele
Zuhörer" erzählt hatte. Ein paar Tage vor meinem Auftritt
beim Frühschoppen rief mich Dr. Seltsam wieder an und fragte, ob
ich in seinem "Club Existencialiste" auf treten wollte. Ich
ließ kurz bei mir im Kopf alles zum Thema Existenzialisten ablaufen,
Paris, schwarze Pullis, Juliette Greco, bis zur deutschen Epigonin Astrid
Kirchherr, die den Beatles ihre (von französischen Exis abgeschaute)
Frisur verpasst hatte. Exis= Beatles. Okay.
Schon die Location des Clubs ließ einiges erwarten. Abgeranzte Polstermöbel
fürs geneigte Publikum, eine zusammengezimmerte Bühne ("Vorsicht,
uneben!") in einer alten Werkshalle, alles wie in Kreuzberg 1972.
Dann erschien Dr. Seltsam, Anzug, rote Fliege und wie ich jetzt erst bemerkte,
der letzte Salonkommunist. Ein freundlicher Mensch, der versuchte, durch
seine bloße Präsenz, die aufgelaufenen Künstler zu einem
Programm zusammen zu bringen. Normalerweise wollen ja immer alle am Schluss
auftreten, aber diesmal wollen alle am Anfang, beziehungsweise, es war
noch komplizierter. Die Gruppe "Je Chant" schoss den Vogel ab
mit "Entschuldige, dass wir zu spät kommen, aber wir müssen
gleich wieder weg - und könnt ihr uns noch eben ein Keyboard besorgen?"
Ihre nicht uncharmante Show versöhnte. Finn Ritter brachten mein
ewiges Lieblings-Kunststück für Liedermacherbands zu Stande:
Alle Instrumente so laut haben wollen, so dass der Tontechniker keine
Chance hatte, die Stimme (und damit die Texte) verständlich rüberzubringen.
Ansonsten kann ich mich nicht an alle Acts erinnern, ich unterhielt mich
mit einem weiblichen Dr.-Seltsam-Fan über gesellschaftliche Phänomene
und brauchte dazu nur meine Argumente hervorzukramen, die ich in den 70ern
meinem Freund und Lieblingskommunisten Egon verpasst hatte. Der Hauptunterschied
zu damals: Die Frau war deutlich hübscher. (Sorry Egon). Ein "Künstler",
der auf der Bühne "Warendiebstahl als Kunstform" propagieren
wollte, fiel hauptsächlich dadurch auf, dass er nicht von der Bühne
wollte und dem Dr. immer das Mikrophon entwenden wollte. Ich blieb nur,
weil man mich überredet hatte, am Anfang und am Schluss zu spielen.
Mein zweiter Teil war dann etwas unkontrolliert, weil ich bis dahin die
Qualität des mit Künstlerrabatt angebotenen Flaschenbiers ausführlich
getestet hatte. Ich machte mich dann irgendwann vom Acker mit Gitarre
und meinem schwarzen Requisiten- und Kabelkoffer. (Dachte ich, was den
Koffer anging.)
Am nächsten Morgen rief mich eine Frau an, die mir erklärte,
ich hätte den Koffer des "Künstlers" versehentlich
mitgenommen, der hätte eigentlich meinen im Gegenzug mitnehmen wollen,
was sie und andere verhindert hätten, allerdings wäre mein Koffer
dabei beschädigt worden. (ewig nicht mehr Sätze mit "hätte"
geschrieben).
Kurzum, der Koffer wartete auf mich in Nähe des Winterfeldplatzes
auf mich, was mir Gelegenheit gab, dort auf dem Markt meinen Kater auszulüften.
Dabei dachte ich verschärft darüber nach, ob ich der Retterin
meines Koffers Blumen mitbringen sollte, einen Pott Primeln vielleicht.
Andererseits Blumen für eine Frau, an die ich mich höchstens
verschwommen erinnern konnte, am Valentinstag (der war nämlich) ,
konnte das nicht falsch verstanden werden? Also holte ich den Koffer unbeblumt
ab und schlug auch die Einladung zum Kaffee aus. (Danke Evi L.!)
Der "Künstler" rief dann auch bei mir an, war ganz aufgeregt
und wollte die Koffergeschichte natürlich für seine Aktionen
verwerten, es wäre doch eine symbolische Geschichte und so weiter,
blah, blah, blah. Wir machten aus, dass ich ihm am Montag den Koffer zurückgeben
sollte.
Am Sonntag war endlich Frühschoppenzeit. Ich erlebte die Protagonisten,
mehrere Männer und eine Frau, backstage als eine Gruppe voll sehr
subtiler Dynamik, auf der Bühne schließlich als Ereignis voll
mit literarischen Überraschungen, versteckter Tragik und Klamottenkomik.
Das Publikum ging mit, und nach einer Stunde und einer Pause waren die
Leute so fertig, dass mein Auftritt ein Erfolg hätte werden müssen,
aber er wurde ein Triumph. (Danke Publikum!)
Vielleicht ist es etwas ungerecht, wenn ich Horst Evers extra erwähne,
den so wie so schon "berühmtesten" Vorleser, aber seine
Moderation "aus dem Stand" für seinen folgenden Text war
derartig komisch, dass manche sogenannte "stand up comedians"
dagegen schlappe Witzfiguren sind.
Es war klasse, wenn man so ein altes Wort überhaupt noch benutzen
darf. Einzig die Tatsache, dass die Fliege des Dr. Seltsam nicht gebunden
war, sondern an einem Gummi hing. So was hätten wir in der Schulzeit
als "Gummischlips" bezeichnet und dem Träger eines solchen
Schmucks damit traktiert, das Teil zehn Zentimeter vom Hals weg zu ziehen
und zurück flitschen zu lassen.
Auch dass der "Künstler" mir zur Kofferübergabe eine
Adresse in der Nähe des Gendarmenmarktes nannte, eine Bar, in der,
wie sich rausstellte, der billigste Drink schlappe 9 Euro kosten sollte,
und die ich nicht nur deswegen nach der Aktion schnurstracks (schönes
Wort) wieder verließ, kann ich nicht davon abbringen, dass sich
Ausflug in die Welt des Vorlesens gelohnt hat, und ich habe vor, auch
andere Lesebühnen zu besuchen, mit Gitarre bewaffnet. Die Drohung
ist ernst gemeint.
© Beppo Pohlmann
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